Neuste  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z  0-9    (insgesamt 62) [Übersicht der Interviews]
Mercyful Fate
Mit 'Dead Again' Back Again
Sicherlich gibt es viele Bands, die einen eigenen Stil haben und sich deshalb von anderen Gruppen unterscheiden, aber wirklich einzigartige Formationen kann man an einer Hand abzählen. MERCYFUL FATE gehören zweifellos dazu! Seit Beginn ihrer Karriere sind MERCYFUL FATE ihrem ureigensten Stil treu geblieben und haben speziell in den frühen 80er Jahren unzählige Nachwuchskapellen aller Stilrichtungen maßgeblich beeinflußt. Auch eine zwischenzeitliche Auflösung aufgrund musikalischer Differenzen konnte das Phänomen MERCYFUL FATE nicht begraben, und so reformierten sich zumindest vier Originalmitglieder um mit In The Shadows 1993 wie der Phönix aus der Asche wieder emporzusteigen. 16 Jahre nach Beginn ihrer Karriere liegt mit Dead Again nun der insgesamt sechste Studiolongplayer dieser Ausnahmeband vor, und während King Diamond mit seiner Band auf Südamerikatournee weilte, ließ es sich Hank Sherman nicht nehmen, sehr interessante und ausführliche Statements zum neuen Album abzugeben ... 


? Nachdem nun auch Michael Denner die Band verlassen hat ... kann man sagen, daß Du und King jetzt alleine MERCYFUL FATE seid?
Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Nachdem Michael ausgestiegen ist, sind in der Tat nur noch King und ich von der Originalbesetzung übrig geblieben. Wir beide sind sicherlich auch für den Großteil der MERCYFUL FATE Songs verantwortlich, aber auch die anderen Mitglieder tragen ihren Teil dazu bei. Ich selbst habe einen eigenen Stil, der den MERCYFUL FATE Gitarrensound bestimmt und King bildet mit seinen Lyrics und seinem Gesang den anderen Part vom Gesamtbild. Wenn einer von uns beiden die Band verlassen würde, gäbe es MERCYFUL FATE also mit Sicherheit nicht mehr, aber trotzdem sehen wir auch die anderen als vollberechtigte Bestandteile der Band an. Es ist also jetzt nicht so, daß wir hingehen und sagen "King Diamond und Hank Sherman sind MERCYFUL FATE".

? Ihr beide habt aber wie üblich die Songs nahezu im Alleingang geschrieben. Inwiefern waren die anderen Musiker beteiligt?
Dazu muß ich ein bißchen weiter ausholen. Als wir MERCYFUL FATE reformierten und In The Shadows aufnahmen, war die Verteilung des Songwritings auf die gleiche Art aufgebaut wie bei Don't Break The Oath. Zu dieser Zeit begannen Michael und auch King neben seinen Lyrics, sich am Songwriting aktiv zu beteiligen, während ich die Songs bei unseren ersten beiden Platten alleine geschrieben habe. Bei In The Shadows wollte sich natürlich wieder jeder einbringen, deshalb haben wir uns entschlossen, daß King und ich jeweils 4 Songs und Michael Denner 2 Songs schreiben sollte, wie wir es so ähnlich ja auch bei Don't Break The Oath gemacht haben. Das ist demnach der Hintergrund, warum King und ich immer den Großteil der Lieder geschrieben haben. Als Michael dann die Band verließ, eröffnete sich den anderen Musikern auch die Möglichkeit, ihre Songs für das neue Album einzubringen. Und als Sharlee D'Angelo mit Crossroads ankam, erkannten wir gleich, daß dieser Song gut zu MERCYFUL FATE paßt. Der Song ist im typischen MERCYFUL FATE Stil komponiert, obwohl der Mittelteil eher ungewöhnlich für uns ist und vielleicht ein bißchen an MEMENTO MORI erinnert. Aber dadurch kommen auch neue Einflüsse in das Songwriting, obwohl das Lied wie bereits gesagt typisch nach MERCYFUL FATE klingt.

? Stilistisch erinnert mich Dead Again am ehesten an In The Shadows, allerdings mit einem wesentlich besseren Drummer. Würdest Du dem zustimmen?
Zunächst einmal möchte ich Dir zustimmen, daß Bjarne Holm ein ausgezeichneter Drummer ist. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, daß mir der Schlagzeugsound auf Dead Again ganz besonders gefällt, weil er sehr druckvoll und natürlich klingt, während der Sound auf In The Shadows meiner Meinung nach zu steril geklungen hat. In The Shadows zählt aber trotzdem zu meinen persönlichen Lieblingsplatten, und da wir dieses Album nach unserer Reunion aufgenommen hatten, war jeder natürlich ganz besonders konzentriert auf dieses Album. Bei Dead Again sehe ich genau wie Du gewisse Parallelen zu In The Shadows, aber ich bin auch der Meinung, daß manche Teile sogar ein bißchen zum Stil von Melissa und Don't Break The Oath tendieren. Das gilt besonders für das Riffing und die Gitarrenarbeit im allgemeinen.

? Das Cover beinhaltet ja auch den Umriß des Teufels vom Don't Break The Oath Album ...?
Ja, genau. Don't Break The Oath ist der MERCYFUL FATE Klassiker schlechthin und mit dem Cover des neuen Albums wollten wir die Fans verstärkt darauf hinweisen, daß Dead Again wieder ein typisches und verdammt gutes Album geworden ist. Die Idee kam uns auch dadurch, daß der Sound und die Musik ganz allgemein mehr zu den Wurzeln zurückgeht, obwohl Melissa und Don't Break The Oath schon ganz anders klingen. Das liegt aber auch an der veränderten Art der Produktion. Heute ist durch die Entwicklung technisch viel mehr möglich als in den 80er Jahren, als wir in 13 Tagen Melissa und in 21 Tagen Don't Break The Oath aufgenommen haben. Auf der anderen Seite hat man heute viel mehr Zeit im Studio und kann den Sound später wesentlich mehr beeinflussen als früher, was aber meiner Meinung nach häufig dazu führt, daß manche Platten heutzutage fast schon zu sauber klingen. Manchmal ist ein roher Sound einfach angebrachter ... aber generell war für uns immer das Wichtigste, daß wir unseren Stil beibehalten.

? Auf Euch lastet auch immer der enorme Druck, das letzte Album toppen zu müssen. Stört es Dich, oder empfindest Du es als ein Kompliment, daß jede neue Platte an Don't Break The Oath gemessen wird?
Ältere Platten haben eigentlich immer einen höheren Stellenwert. Nimm JUDAS PRIEST als Beispiel: ich selbst ziehe auch die alten PRIEST-Scheiben vor, z.B. British Steel, das einen neuen Heavy Metal Stil eingeführt hat. Es dauert nun einmal sehr lange, bis ein Album zum echten Klassiker erklärt wird und in 10 Jahren wird man Dead Again vielleicht als solchen bezeichnen. Heute gilt aber immer noch Don't Break The Oath als unser Klassiker und an seinem Klassiker wird man nun einmal gemessen. Das trifft aber für alle Bands zu, ob für BLACK SABBATH, VAN HALEN, JUDAS PRIEST oder auch für uns. Ein Vergleich stört mich also nicht, weil es eigentlich eine natürliche Sache ist. Wir wollen uns nicht wiederholen oder uns selbst kopieren, aber trotzdem als MERCYFUL FATE erkannt werden. Und wenn uns das gelingt, dann ist das für mich o.k.

? Welche Zeiten haben Dir persönlich eigentlich besser gefallen - die 80er mit Melissa und Don't Break The Oath oder die Neunziger?
Das ist auch eine sehr schwere Frage. Als wir die EP und Melissa aufgenommen haben waren wir Anfang 20, und die ganzen Begleitumstände rund um das Buisiness waren ganz anders als heute. Wir waren damals mit Sicherheit viel aufgeregter, denn es waren schließlich unsere ersten richtigen Studioaufnahmen. Außerdem lebten wir damals alle noch in Kopenhagen und haben uns jeden Tag gesehen. Ich würde also schon sagen, daß es damals aufregender und auch spaßiger war als heute. Ein ähnliches Gefühl hatten wir dann noch bei den Aufnahmen zu In The Shadows, als wir nach einer Unterbrechung von ungefähr 9 Jahren wieder zusammengekommen sind. Heutzutage ist es zwar keine Routine geworden - das wird es wohl auch niemals sein - aber es ist bei weitem nicht so interessant und aufregend wie damals. Wir gehen heute auch viel professioneller zu Werke ... man hat seine Songs und möchte den bestmöglichen Sound für diese Songs herausholen. Wir achten heute auch viel mehr auf Details, die uns früher kaum bewußt waren. Damals sind wir ins Studio gegangen und haben einfach aufgenommen und das war ehrlich gesagt schon aufregender und lustiger. Dafür arbeitet man heute halt professioneller.

? Dead Again ist weitaus verschachtelter und schwerer zugänglich als Into The Unknown. War das von Anfang an so beabsichtigt?
Nein, wenn du selber Songs schreibst und im Songwritingprozeß steckst, machst du dir eigentlich keine Gedanken über die Entwicklung eines Songs oder des gesamten Albums. Ein Song entwickelt sich einfach und erst viel später, wenn ich mir das fertige Lied zuhause anhöre, erkenne ich, wie komplex es geworden ist. Natürlich hast Du recht, Into The Unknown ist viel straigther als Dead Again, aber ich bin nicht mit der bewußten Absicht an das Songwriting gegangen, daß die Lieder jetzt viel komplizierter klingen müssen. Das Einzige, was wir von Anfang an beabsichtigt haben, war, daß die Songs roher und härter klingen sollten als die Lieder auf Time, wo wir ein bißchen experimenteller und melodischer zur Sache gegangen sind. Die Songs auf Time sind alle o.k., aber meiner Meinung nach ein klein wenig zu melodisch. Im Nachhinein waren wir uns alle einig, daß wir wieder in eine rohere Richtung gehen wollten, daher ist Into The Unknown auch härter ausgefallen. Mit einer ähnlichen Einstellung sind wir dann auch an Dead Again herangegangen. Und da wir mit Mike Wead einen neuen Gitarristen hatten und diesmal mit einem anderen Produzenten gearbeitet haben, waren die Voraussetzungen sehr gut, daß sich das neue Album vom Vorgänger unterscheiden würde. Tja, und hinsichtlich des Songwritings hat sich im Verlauf ganz natürlich herauskristallisiert, daß wir stilistisch eher Back To The Roots gehen würden.

? Der Titeltrack Dead Again ist Euer bislang längster Song. Hast Du Dich beim Schreiben dieses Stückes an Satan's Fall erinnert?
Nnnnein ... nicht direkt an Satan's Fall, aber seit dem Melissa Album hat man von mir irgendwie immer erwartet, daß ich lange Songs schreiben würde. Auf Don't Break The Oath war zwar kein extrem langes Stück dabei, aber auf In The Shadows hatte ich mit The Old Oak auch wieder ein ziemlich langes Lied abgeliefert. Ich schreibe solche längeren Songs auch sehr gerne, weil sie mir die Möglichkeit geben, vom normalen Songaufbau abzuweichen. Bei einem so langen Lied wie Dead Again gibt es eigentlich keine Regeln und man kann viel abstrakter zu Werk gehen. Aber natürlich habe ich mich nicht mit einer Stoppuhr hingesetzt und mir gesagt "Dieses Lied muß jetzt so und so lang werden". Außerdem eröffnet ein langes Stück auch für King andere Perspektiven, weil er dann längere Lyrics um den Song herum schreiben kann.

? Kann man generell sagen, daß Deine Songs verschachtelter sind als die von King?
Ja, das hängt mit der Herangehensweise beim Songwriting zusammen. Wenn King ein Lied schreibt, dann schreibt er die Musik um bereits feststehende Gesangslinien herum. Bei ihm steht also zuerst die Gesangsmelodie fest, und dann erst komponiert er die Musik zu diesen Gesangsharmonien. Durch diese Vorgehensweise werden seine Songs straighter als meine, denn ich nehme beim Songschreiben keine Rücksicht auf die Gesangslinien. Die müssen später eingebaut werden. Meine Philosophie ist, daß ein Song auch ohne Gesang gut klingen muß, d.h. die Musik muß auch ohne Gesang alleine einen guten Song hergeben.

? Inhaltlich scheint mit Torture (1629) ein Überbleibsel aus Kings The Eye Zeit zu sein. Hat er etwas in der Art angedeutet?
Nein, aber da war ich genauso überrascht wie Du. Es war allerdings so, daß King die Lyrics diesmal im Studio während der Aufnahmen schreiben mußte, weil wir aufgrund der Verspätung von KING DIAMONDs Voodoo unter ziemlichen Zeitdruck standen. Als er dann mit dem Text zu Torture (1629) ankam, hatte ich dieselbe Idee wie Du, daß er dieses Thema ja bereits bei The Eye verarbeitet hatte. Aber um ehrlich zu sein: ich weiß nicht, warum er dieses Thema nochmals aufgegriffen hat. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil wir darüber auch nicht weiter geredet haben.

? Die MERCYFUL FATE Texte handeln meistens von Okkultismus und Satanismaus. Wie beurteilst Du Kings Lyrics?
Um Dir die Wahrheit zu sagen: ich habe mit den Texten eigentlich überhaupt nichts zu tun, meine Hauptaufgaben bestehen im Songschreiben und in der Arbeit im Studio. Normalerweise schreibt King seine Lyrics und erklärt dann den anderen, von was sie handeln, damit auch wir sie besser verstehen. Aber diesmal war es halt ein bißchen anders, weil er wie bereits gesagt die Texte im Studio schreiben mußte. Und wenn ich im Studio aufnehme, dann bin ich so sehr mit der Musik beschäftigt, daß ich mich kaum noch um etwas anderes kümmere. Den anderen geht es genauso, die konzentrieren sich verständlicherweise auch zuerst auf ihre Parts. Also konnten wir diesmal so gut wie überhaupt nicht tiefer in die Textkonzepte einsteigen. Alles, was ich getan habe, war, die Texte zu lesen und sie auf mich wirken zu lassen. Aber ehrlich gesagt habe ich mich schon immer mehr für die musikalische Seite interessiert, d.h. für die Instrumentierung und wie die Vocal-Lines dazu passen. Ich weiß, daß viele Leute sich intensiv mit den Texten befassen, aber ich selbst habe mich ehrlich gesagt nie besonders dafür interessiert. Das gilt wohlgemerkt für alle Bands. Wenn ich z.B. JUDAS PRIEST höre, dann habe ich keine Ahnung, worüber die eigentlich singen, ich achte nur auf die Musik und auf das Feeling. Und bei MERCYFUL FATE sind die Lyrics in erster Linie Kings Sache.

? Wie würden denn die MERCYFUL FATE Lyrics aussehen, wenn Hank Sherman sie schreiben würde?
Wow, das ist eine interessante Frage. Sollte ich einmal eine Solo-LP unter meinem Namen aufnehmen, dann würde ich auch die Texte dazu schreiben. Vermutlich würden sie in die Fantasy-Richtung gehen, aber nicht in der Art wie Aliens oder so etwas. Und sie würden auf keinen Fall davon handeln, wie schlecht doch die Welt ist. Aber das ist rein spekulativ ... und bei MERCYFUL FATE wird King die Texte auch weiterhin schreiben.

? Stehst Du noch mit Timi und Michael in Kontakt?
Mit Timi weniger, ihn sehe ich vielleicht einmal im Jahr. Mit Michael treffe ich mich ziemlich oft, mindestens einmal pro Woche. Er hat einen kleinen Plattenladen in Kopenhagen und dort besuche ich ihn öfters auf einen Kaffee, und um seine neuen Platten anzusehen. Als ich ihm Dead Again vorspielte war er natürlich sehr interessiert, denn schließlich ist es das erste Album ohne ihn. Aber er war sehr beeindruckt von der Platte.

? Wie würdet Ihr reagieren, wenn Timi und/oder Michael plötzlich wieder einsteigen wollten?
Das ist eine rein rhetorische Frage, weil keiner von beiden auf diese Idee kommen würde und schließlich sind wir ohnehin als Band komplett. Bei Timi würde weiterhin erschwerend hinzukommen, daß er seit ca. 1 Jahr ganz aus der Musikszene draußen ist, und seine technischen Fähigkeiten erst einmal auffrischen müßte. Michael hat eine Frau, ein Kind, ein Haus und einen Job ... er würde ohnehin nie zurückkommen wollen. Außerdem würde er nie und nimmer fragen, weil er weiß, daß mit Mike Wead jetzt ein neuer Mann da ist, und das respektiert er. Natürlich kann ich verstehen, daß die alten Fans die Band möglichst im Original Line-Up sehen möchten, das geht mir beispielsweise bei JUDAS PRIEST auch so, aber Mike Wead ist schließlich auch ein hervorragender Gitarrist, der auch das Feeling von Michael hat. Wir haben also unsere Trademarks beibehalten.

? Ganz meine Meinung. Kennst Du übrigens auch HEXENHAUS und MEMENTO MORI?
Ja, auf unserer letzten Südamerika-Tour hat er mir die neue HEXENHAUS vorgespielt und ich bin der Meinung, daß es ein großartiges Album ist. Das war das erstemal, daß ich HEXENHAUS gehört habe und ich war wirklich sehr beeindruckt vom technischen Anspruch der Platte. MEMENTO MORI finde ich sowieso klasse, vor allem das erste und das letzte Album.

? Stichwort Tour - kommt Ihr demnächst wieder nach Deutschland ... vielleicht sogar wieder im Package MERCYFUL FATE/KING DIAMOND?
Nein, nicht in diesem Doppel-Package. Das war eine einmalige Sache und wenn wir das wiederholen würden, dann wäre es keine Überraschung mehr. Die KING DIAMOND Band wird voraussichtlich im Oktober/November touren und wenn es sich einrichten läßt, wird MERCYFUL FATE im Anschluß an diese Tour ihre eigene Tournee beginnen. Ich hoffe, wir müssen nicht allzu lange warten und können noch vor Weihnachten kommen, aber genauere Pläne stehen derzeit noch nicht fest.
Wolfgang Volk (01.08.1998)
Weiteres zu Mercyful Fate:

- Don`t Break The Oath (Classic-Review)